Bert Hellinger in Jordanien

2. und 3. Juni 2006



Dies war mein erster Kurs in einem Arabisch sprechenden Land, und er war voller Überraschungen.

Vorbereitet und organisiert war er von Jamileh Schröder, einer Palästinenserin, die in Jordanien aufgewachsen ist. Sie sprach mich eines Tages während eines Kurses in Mainz an und fragte, ob sie mein Buch Ordnungen der Liebe ins Arabische übersetzen dürfe. Sofort habe ich zugestimmt, zumal sie sehr gut Deutsch sprach. Sie hatte in Deutschland studiert und mit einem deutschen Mann verheiratet. Dieses Buch ist inzwischen in einer sehr schönen Aufmachung erschienen. Es wurde von ihr selbst verlegt. Das war der Anfang.

In Jordanien einen Kurs über das Familien-Stellen anzubieten, braucht aufmerksames Sich-Einfühlen in ein anderes geistiges Feld, ein Feld, das möchte ich hier gleich vorwegnehmen, von eigener Schönheit und Kraft. Hier übernehmen die Regierungsstellen die Führung, allerdings auf eine wohlwollende Art und das Allgemeinwohl vor Augen. So wenigstens durften wir es erfahren. Einfach dorthin zu fahren und einen Kurs auf eigene Initiative anzubieten, ist in Jordanien nicht möglich und vorstellbar. Auf der anderen Seite gewinnt eine solche Initiative, wenn sie von den Regierungsstellen erlaubt und unterstützt wird, ein besonderes Ansehen und Vertrauen.

Fawaz Sharaiha, der Direktor einer internationalen Hilfsorganisation in Jordanien und Mitbegründer eines Studentenheimes in Amman für bedürftige Studenten aus den ländlichen Gegenden im Süden von Jordanien, hat uns die Türen geöffnet. Unser Kurs konnte in einem Raum dieses Sudentenheimes stattfinden, nachdem auch der Präsident des gemeinnützigen Vereins, dem dieses Heim gehört, zugestimmt hatte. Dieser Präsident war früher ein hoch angesehener Ministerpräsident von Jordanien. Dadurch bewegten wir uns in einem mächtigen, engagierten sozialen und öffentlichen Feld und fühlten uns von ihm getragen und gestärkt. Übrigens hat Fawaz Sharaiha zusammen mit seiner Frau unseren Kurs besucht. Einmal hat er seine Beobachtungen und seine persönlichen Erfahrungen mit unserer Arbeit in diesem Kurs auf eine Weise zusammengefasst, die alle berührt hat. Schöner hätte man das Wesentliche des Familien-Stellens nicht beschreiben können.

Am Tag nach dem Kurs, den wir zusätzlich mit eingeplant hatten, lud Fawaz Sharaiha uns in seine Wohnung zum Nachmittagstee ein. Er hatte noch weitere Gäste eingeladen, darunter auch den Mann aus dem Sozialministerium, der für Jamileh Schröder den Kontakt zu ihm vermittelt hatte. Er und die anderen Gäste, die ja noch nichts vom Familien-Stellen wussten, hatten viele Fragen. Also habe ich ihnen angeboten, es an einem einfachen Beispiel zu demonstrieren. Aus unserer Gruppe habe ich Jamilehs Mann als Stellvertreter für einen der Gäste aufgestellt, und ihm gegenüber Jamilehs Bruder für dessen Vater. Nach kurzer Zeit zeigte sich in ihrer Beziehung etwas sehr Dramatisches, das alle in seinen Bann zog. Ich habe die Aufstellung abgebrochen, da sie ja nur eine „kleine“ Demonstration sein sollte. Danach wuchs das Verständnis bei den Gästen und ihre Neugier. Wichtig an diesem Treffen war außerdem, dass Fawaz Sharaiha mit uns konkret einen weiteren Kurs in Jordanien plante und uns dafür seine volle Unterstützung anbot.

Nun aber zum Kurs selbst. Es waren 46 Teilnehmer angemeldet, aber nur an die 20 von ihnen erschienen. Sie kamen deshalb vor allem, weil sie persönliche Anliegen hatten. Hatten sie diese vorgebracht, blieben sie noch eine Weile und gingen. Dafür kamen wieder andere. Die Teilnehmer wollten also nicht so sehr etwas über das Familien-Stellen erfahren, sondern etwas über mögliche Lösungen für ihre persönlichen Anliegen und für Probleme in ihrer Familie. Daher kamen einige auch mit ihren Kindern. Unter den Teilnehmern war auch eine Frau, die in einem Hospital arbeitete. Sie wollte wissen, was sie für einen Mann tun konnte, der mit Krebs und Diabetes im Krankenhaus lag.

Eine Schwierigkeit in diesem Kurs war, dass wir ja keine Stellvertreter wählen konnten, zumindest nicht am Anfang. Glücklicherweise wurde Jamileh von ihrem Mann begleitet. Ein weiterer Glücksfall war, dass Yassin Raslan, ein Libanese, der in Deutschland wohnt und mit dem Familien-Stellen vertraut ist, seinen Aufenthalt im Libanon unterbrach und uns in diesen Kurs zur Seite stand. Ihn konnte ich als Stellvertreter für diesen krebskranken Mann aufstellen. Sofort brach er in Tränen aus und schluchzte wie ein Kind. Dabei schaute er dauernd auf den Boden. Es war offensichtlich, dass es ihn als Kind zu einem Toten zog. Als er nach einer Weile zu Boden fiel, bat ich Jamilehs Mann, sich zu ihm zu legen. Er legte sich quer, als wollte er mit dem Kopf nach vorne zu ihm. Dann fassten sie sich bei der Hand.

Hier brach ich die Aufstellung ab. Ich fragte die Frau, ob sie wüsste, zu welchem Toten es den Mann zog. Sie wusste es nicht. In der Mittagspause rief sie den Mann an, um ihn zu fragen. In die Gruppe zurückgekehrt erzählte sie, dieser Mann habe als kleiner Junge mit anderen an einem Teich gespielt, als einer von ihnen ins Wasser fiel und ertrank. Sie konnten ihn nicht retten. Genau diese Szene spielte sich in der Aufstellung ab. Danach war für alle Teilnehmer deutlich, wie genau die Aufstellungen sind und welche Kräfte in ihnen wirken.

Am Nachmittag kamen sieben Studenten aus dem Studentenheim in den Kurs. Sie waren nur neugierig und schwatzten miteinander. Doch bald wurden sie ruhig, zumal ich dazwischen eine Meditation anbot, in der ich die Einzelnen mit Liebe zu ihren Eltern führte.

Einer der Studenten, der Design studierte, wusste nicht, ob er der theoretischen oder der praktischen Seite den Vorzug geben sollte. Also bot ich ihm an, es aufzustellen. Ihn zog es aber weder zur einen noch zur anderen Seite. Daher führte ich ihn von beiden weg nach außen. Dort fühlte er sich wohler. Er bestätigte in der Gruppe später, dass er viel lieber etwas anderes studieren wollte.

Am Ende des Tages fragte mich diese Gruppe von Studenten, ob ich ihnen eine Hilfe für ihre Prüfung am nächsten Tag anbieten könnte. Ich ließ sie sich nebeneinander stellen, und ihnen gegenüber stellte ich einen Stellvertreter für die Prüfung. Ich sagte ihnen, sie sollten die Prüfung wohlwollend and freundlich anschauen. Einigen machte das zuerst Mühe. Ich sagte ihnen, man  könne jetzt schon sehen, wer die Prüfung bestehen würde und wer nicht. Am Ende schauten sie alle freundlich auf die Prüfung, und die Prüfung schaute freundlich auf sie. Sie verabschiedeten sich von mir dankbar und mit offenem Blick. Sie waren verändert.

Ähnlich ging es mit dem Kurs am zweiten Tag weiter. Wieder gab es ein Kommen und Gehen. Zu bedenken war, dass viele auch zur Arbeit mussten und dass sie vor allem ein persönliches und kein berufliches Interesse am Familien-Stellen hatten. Das hatte zur Folge, dass wir kaum auf jemanden aus der Gruppe als Stellvertreter zurückgreifen konnten. Es war vor allem ein Kurs in konkreter Lebenshilfe. Hatten die Teilnehmer bekommen, was sie erwarteten, gingen sie wieder. Daher musste ich mich oft auf die inneren Prozesse verlassen und auf die Wirkung eines einzigen Satzes.

Gegen Ende des Kurses kam noch ein Mann, der in diesem Haus für die schweren Arbeiten zuständig war. Er sagte, wenn er in die Hocke ging und wieder aufstehen wollte, wird ihm schwindlig und er hat Angst hinzufallen. Ich bat ihn, sich neben mich zu setzen und die Augen zu schließen. Nach einer Weile kam mir innerlich der entscheidende Satz. Ich sagte ihm, dass ich ihm einen Satz sagen würde. Danach müsse er sofort, ohne nachzufragen, an seinen Platz zurückkehren. Ich sagte ich ihm den Satz, den er innerlich jemandem sagen sollte. Der Satz hieß: Ich bleibe liegen. Der Satz traf ihn unmittelbar. Er ging an seinen Platz zurück und war in einem tiefen inneren Prozess. Ich ließ ihm die volle Zeit dafür. Es war offensichtlich, dass in ihm war etwas Wichtiges passiert war. Am Ende des Kurses verabschiedete er sich von mir dankbar.

Der entscheidende  Dank für das Gelingen dieses Kurses gebührt Jamileh Schröder. Sie war die treibend Kraft und die Vermittlerin in jeder Hinsicht: Übersetzerin und Mitarbeiterin in einem.

Rückblickend ist zu sagen: Dieser Kurs war eine besondere Erfahrung für uns alle, auch eine besondere persönliche Erfahrung für mich. Die Offenheit, die Gastfreundschaft, das Menschliche in so schöner Weise, waren ein großes Geschenk. Offensichtlich ist die arabische Welt für die Einsichten des Familien-Stellens bereit und offen. Aber anders offen, als wir uns das am Anfang vorgestellt haben. Offen auf ihre eigene, eine andere, aber auch eine besonders schöne Weise.

Am Tag vor diesem Kurs habe ich mich innerlich auf diese Begegnung vorbereitet. Ich wollte mich einschwingen in dieses Feld mit Achtung und Andacht. Das Ergebnis dieses Vorgangs habe ich in zwei kurzen Texten zusammengefasst, die ich hier anfüge.

 

Ich bin wie du

Wieso bist du anders? Weil du andere Eltern hast, weil du aus einer anderen Familie kommst, weil du vielleicht etwas anderes glaubst und etwas anderes hoffst, und weil du und deine Familie eine andere Vergangenheit haben und eine andere Zukunft. Vielleicht sind sie auch einer anderen Bedrohung ausgesetzt und müssen sich gegen sie wappnen und wehren.

Doch so wie du für mich anders bist, bin ich es auch für dich. Dieses Andere macht uns aber zutiefst auch ähnlich und gleich. Weil ich Ähnliches in mir wahrnehme, fühle ich mich ein in das, was in dir vorgeht. Ich gehe mit deiner Bewegung mit. Ich verstehe dich, ohne wie du zu sein. Und du verstehst mich, ohne wie ich zu sein.

Solange ich in meinem Lebensbereich bleibe und du in deinem, fällt uns das verhältnismäßig leicht, weil wir uns kaum begegnen müssen und kaum zusammen leben und handeln. Wenn ich aber in deinen Lebensbereich trete, vielleicht sogar in deinen Lebensbereich eingeladen bin, verlasse ich meinen für eine Zeit. Nun  wird dein Lebensbereich für mich auch der meine. Wie verhalte ich mich dann, dass du spürst, dass ich dich und deinen Lebensbereich achte, dass du spürst, dass ich weiß, ich bin wie du?

Ich fühle wie du. Ich denke wie du. Ich verehre, was du verehrst. Ich nehme, was du mir anbietest. Ich werde durch das, was dir wichtig und wertvoll ist, reich.

Verliere ich dann etwas von mir? Im Gegenteil. Ich werde mehr, der ich war.

 

Das geistige Familien-Stellen als reiner Bezug

Im Gehen mit dem Geist und im Gehen mit seiner Bewegung treten wir mit allen Menschen, wie sie sind, in einen reinen Bezug. Was heißt das?

Wie immer sie sind, was immer sie tun, was immer sie glauben, was immer sie hoffen, was immer ihr besonderer Beitrag zum Ganzen des Menschlichen, und was immer auch  ihre Grenzen und ihr Leiden und Schicksal: unser Bezug zu ihnen bleibt rein. Er bleibt rein von dem, was wir sind. Er bleibt rein von dem, was wir tun. Er bleibt rein von dem, was wir glauben und hoffen, und er bleibt rein von unseren Grenzen und unserem Leiden und Schicksal.

In einem arabischen Land erfahren daher die Teilnehmer, die bei mir das Familien-Stellen mitmachen und lernen wollen, dass ich rein und ganz mit der Bewegung des Geistes in ihnen gehe und mit der Bewegung des Geistes in ihrer Religion, in ihrer Sprache, in ihrer Kultur und in ihrem Schicksal. Das Gleiche gilt, wenn ich in einem anderen Land Menschen in das geistige Familien-Stellen einführe. In diesem geistigen Bezug bleiben sie rein bei sich, so wie auch ich rein bei mir bleibe.

Dieser reine Bezug ist immer in Bewegung, so wie auch der Geist immer in Bewegung bleibt und alles in Bewegung hält. Im reinen Bezug sind wir miteinander auch in einer Bewegung verbunden, in einer gemeinsamen Bewegung. Allerdings in einer reinen Bewegung. Das heißt, wir sind in dieser Bewegung in einem reinen Bezug miteinander verbunden und zugleich für unser Eigenes rein und frei.

Bert Hellinger